Alpenbock − selten, aber noch da

Thema: Museum
29. April

Ein Gespräch mit Georg von Mörl über diesen und andere Bockkäfer

Anlass ist der Kurs im Naturmuseum „Natur zeichnen/Schizzi di natura“, denn die Teilnehmenden wählten als eine Kurseinheit den Alpenbock Rosalia alpina. Geog von Mörl stellte drei Präparate von Alpenbock aus seiner Sammlung zur Verfügung, um den Körperbau des seltenen Bockkäfers genauer beobachten zu können.

 

Die Zeichnerinnen und Zeichner sind von den Farben und dem eleganten Muster der Art Rosalia alpina begeistert. Mit Aquarellfarben ist es nicht möglich, diese Farbintensität wiederzugeben. Bei den Prachtkäfern ist der Schiller- und Farbeffekt sehr gut untersucht, beim Alpenbock nicht. Es kann sein, dass die wie hellblauer Samt wirkende Oberfläche auf die Chitin-Schichten zurückgeht, die in mehreren Lagen übereinander gepackt sind. Chitin ist ein Protein, das das Außenskelett des Käfers aufbaut. So entsteht der optische Effekt des Schimmerns. Zusätzlich sind in diesen Schichten auch Pigmente eingelagert. Bei jedem Individuum von Rosalia alpina ist die Zeichnung der dunklen Binden auf den Flügeldecken anders. Die Kursteilnehmenden wollten zum Alpenbock noch mehr erfahren. Wir fragen Georg von Mörl, der Mitarbeiter im Naturmuseum Südtirol für die zoologischen Sammlungen (Käfer) ist.

 

NMS: Wer in Südtirol einen Käfer sieht, nicht kennt und den Artnamen erfahren möchte, meldet sich bei Ihnen. Georg von Mörl, wie lange beschäftigen Sie sich mit Käfern?

 

GM: Als Jugendlicher schloss ich mich den Käferspezialisten Klaus Hellrigl und Alexander von Peez an, wenn sie im Gelände unterwegs waren. Peez lebte in Brixen wie ich. Die Sammlung von Peez ist heute im Naturmuseum. Ich assistierte dann vor allem Hellrigl und lernte das Bestimmen, vertiefte mich in die Biologie der Käfer. Als sich in Brixen das Ulmensterben ausdehnte, konnten wir, ich Junger und die erfahrenen Käferforscher, die Entwicklung der Bock- und Prachtkäfer beobachten. Ich lernte die Puppen aus dem Holz herauszunehmen und Käfer zu züchten.

 

NMS: Das waren die späten 1970er-Jahre. Darf man heute Puppen einsammeln?

 

GM: Nur wenn ein wissenschaftlicher Hintergrund besteht.

 

NMS: Welche Arten haben Sie in den Ulmen gefunden?

 

GM: In den Ulmen Saperda punctata. Ohne Ulmen kein Saperda punctata, denn diese Käfer leben monophag. Ausnahmsweise können sie auch am Zürgelbaum vorkommen. Oder Ovasilia mirifica, der Grüne Ulmenprachtkäfer, er braucht zum Überleben Ulmenarten.

 

NMS: Monophag bedeutet, sie ernähren sich sehr speziell, nur von einer Baumart?

 

GM: Genau, die Käferweibchen legen die Eier in die Ritzen der Wirtsbäume. Sie suchen Äste, die vom Schnee abgebrochen sind oder abgerissene Baumwipfel oder Stämme von halb abgestorbenen Bäumen. Erkenntlich sind sie an den Ausfluglöchern der erwachsenen Käfer. Sind die Bedingungen ideal, dann vermehren sich die Käfer sehr schnell. Sie riechen außerordentlich gut, wo abgestorbenes Holz zu finden ist.

 

NMS: Gibt es diese Käfer in Brixen noch?

 

GM: Ja, aber nicht mehr so häufig wie in den 1960er-und 1970er- Jahren, als das Ulmensterben war.

 

NMS: Es gibt Käfer, die nicht so anspruchsvoll sind, die sog. Generalisten…

 

GM: Das sind polyphage Käfer, die sowohl in Laub- als auch Nadelholz leben können. Wie der Edelscharrkäfer Gnorimus variabilis aus der Familie der Rosenkäfer. Er lebt in morschem Holz. Die weißen dicken Larven schauen aus wie Engerlinge, die Larven sind Holzverwerter. Sie sollten unbedingt belassen werden.

Der Scheibenbock Pronocera angusta lebt auf den absterbenden Schattenästen von Fichten, der Blauviolette Scheibenbock Callidium violaceum in Stamm und Ästen von Fichten und Kiefern. Diese Bockkäfer können auch ausweichen, wenn ihr klassischer Lebensraum verschwindet.

Der Hirschkäfer ist nicht Generalist und nicht ganz Spezialist, er kommt auf Eichen und Kastanien vor. Wichtig ist ein warmer Boden auch im Winter. Dort können Generationen leben, auch wenn die Bäume schon ziemlich beim Absterben sind.

 

NMS: Können wir uns das wie beim Borkenkäfer vorstellen?

 

GM: Nein, da gibt es große Unterschiede! Das Borkenkäfermännchen frisst eine Kammer, das Weibchen baut den Muttergang um die Eier abzulegen. Die Larven schädigen den Baum in seiner Wachstumsphase, denn sie durchtrennen die Saftzufuhr. Borkenkäfer suchen sich geschwächte Bäume und bringen sie zum Absterben. Ökologisch gesehen schaffen sie damit Platz für die nächste Generation von Bäumen. Aber Bockkäfer haben ein ganz anderes Verhalten.

 

NMS: Sie selbst sind sehr viel in den Wäldern, oder mehr beim Ordnen der Sammlungen und beim Schreiben über die Käfer?

 

GM: Lieber draußen! Ich kenne den gesamten Entwicklungszyklus, daher sehe ich immer Indizien. Ich stelle Fluglöcher fest und weiß von ihrer Form und Größe und von der Baumart her, welche Käferart hier unterwegs war (oder noch ist). Der Große Langhornbock Monochamus sartor beißt sehr große Fluglöcher aus Fichtenstämmen heraus. Insofern schädigt er den Wert des Holzes, aber er bringt den Baum nicht zum Absterben, es ist ein Sekundärschädling, der Borkenkäfer ein Primärschädling.

 

NMS: Pater Vinzenz Maria Gredler gab mehrere Standorte für das Jahr 1866 an, aus den Buchenwäldern im Etschtal, sogar in Bozen! Die Käferart wurde mit altem Buchenholz in die Stadt transportiert. 2021 wurde in Kaltern, immer in Buchenwald, ein Exemplar des sehr seltenen geschützten Alpenbocks festgestellt, ein Weibchen.

 

GM: An einem Buchenstock sahen wir schon mehrere Käfer laufen. Das war eine freigehackte Stelle; im Wald selbst fanden wir sie dann auch. Bis zu diesem Zeitpunkt galt als letzter Beleg für den Alpenbock in Südtirol das Jahr 1932.

 

NMS: Wie sind die Fluglöcher von Alpenbock?

 

GM: Die Fluglöcher haben eine ovale Form, es zeigt sich ein heller Kranz von abgestorbenem Holz, so zwischen elf Zentimetern lang und sechs breit. Alpenbock kommt vor allem an Bergahorn und an Buche vor, mehr in den Höhenlagen von bis zu 1000 Metern. Die erwachsenen Tiere fliegen Mitte Juni bis Anfang September, und zwar am späten Nachmittag; wenn es zu warm ist, bleiben sie in Ruhestellung. Dabei können sie für Käfer recht weit fliegen, bis zu mehr als drei Kilometern weit. Sie leben nur kurz, wenige Wochen, die Larvenstadien hingegen brauchen bis zu vier Jahren. Die erwachsenen Käfer suchen abgestorbenes Holz, es kann auch krankes sein, aber ich betone, Alpenbock schädigt den Baum nicht.

 

NMS: Was ist wichtig zu wissen um den Alpenbock zu erhalten? Es ist ja eine FFH-Art mit Status streng geschützt und auf der Roten Liste (IUCN) als gefährdet gelistet.

 

GM: Gefährdet bezieht sich auf das gesamte Verbreitungsgebiet der Art, vom Balkan, Karpaten, Weißrussland, Ural, Kaukasus, Mitteleuropa, Italien und Spanien bis nach Syrien, in manchen dieser Gebiete ist die Art Rosalia alpina nicht so selten wie bei uns im Alpenraum. Sehr gut wäre, das geschnittene Holz in den Buchenwäldern im Winter sofort abzutransportieren. Denn wenn es liegen bleibt, legen die Käfer dort Eier, und wir verfeuern die Larven oder Puppen ohne es zu wissen.

Die Bewirtschaftung der Buchenwälder sollte den Alpenbock berücksichtigen, wie die Buchenklafter zu belassen oder einen frisch gefällten Stamm senkrecht an einer sonnigen Stelle einzugraben, um Brutplätze zu bieten. Das nasse Holz mit Baumschwämmen meidet er. Der Alpenbock ist, wie es sich gezeigt hat, noch da. Wir müssten noch genauer suchen, um seine aktuelle Verbreitung in Südtirol zu kennen.

 

Interview: Johanna Platzgummer, Naturmuseum Südtirol

Hier finden Sie weitere Artikel, die Ihnen gefallen könnten.

Thema: Museum
26. Oktober
Gras und Zähne: Neue Ausstellung im Naturmuseum
8. Mai
Die Blattwinzlinge

Immer auf dem neuesten Stand

Einmal im Monat versenden wir einen Newsletter mit den aktuellen Veranstaltungen und besonderen Neuigkeiten.
Beim Senden Ihrer Nachricht ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.
Vielen Dank für Ihre Nachricht. Sie wurde erfolgreich gesendet.